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Nurias Tanz von [Stefanie  Hohn]

von Stefanie Hohn

Meinung

Stefanie Hohn hat es wieder einmal aufs neue geschafft, mich bis ins innerste zu berühren und zwar tief, ganz tief.

Nora erfährt am Sterbebett ihres Vaters, das sie eigentlich Nuria heißt und ein Adoptivkind ist. Ihr Leben lang wurde sie um ihre Herkunft und auch um ihre Behinderung im ungewissen lassen. Nach dem Tod des Vaters, begibt sich Nuria auf die Suche nach ihren Wurzeln. Ihr Weg führt sie nach Barcelona. Dort entdeckt sie ihre liebe für den Flamenco, dabei stößt auf ein langegehütetes Geheimnis und eine Geschichte aus Lügen Intrigen und Verrat….

Taschentücher! Ihr braucht viele Taschentücher .Oh mein Gott, was für eine Geschichte. Ich musste beim lesen die ganze Zeit an eine liebe Freundin denken, die selbst ein Adoptivkind ist. Sie wusste aber im Gegenteil zu Nora/Nuria das sie adoptiert war. Dennoch fand ich viele Gemeinsamkeiten zwischen den beiden. Was sich dem Leser im Laufe der Geschichte offenbart, bohrt sich tief ins Herz, lässt einen stellenweise verwundert und fassungslos zurück. Nuria ist ein wundervoll gezeichneter Charakter. Trotz ihrer Behinderung, beweist sie das man alles schaffen, wenn man es auch wirklich möchte. Ich war vom ersten Moment an, eins mit ihr, habe mich in sie hineingefühlt, ihr Gefühle aufgefangen und mit geschlossenen Augen versucht, das zu fühlen, was in Nuria selbst vorgeht. Dieses Mädchen, hat mich ganz für sich eingenommen, mich das verborgene Zwischen den Zeilen fühlen lassen.

Wortgewaltig, Ausdrucksstark, enorm bildgebend mit einer Mischung aus Drama, Schicksal und Leidenschaft. Eine großartige Geschichte, die durchweg begeistert.

Von mir gibt es ein klare Empfehlung und 5 von 5 *

Leseprobe

Das Lied des Lebens Für die erste Szene trug sie ein kurzes Kleid. Der weite, lange Rüschenrock lag in der Mitte der Bühne. Nach der Auftaktszene würde sie ihn anziehen und eine traditionelle Alegría tanzen. Es war eine einstudierte Inszenierung, aber ihr Körper würde sich irgendwann davon lösen. Es passierte immer, alle wussten es, die Gitarristen, der Sänger und der Perkussionist, und sie gingen mit, folgten dem Compás, den sie mit den harten Schlägen ihrer Schuhe auf das Parkett vorgab. Der Saal war zum Bersten gefüllt. Es war ihre erste Darbietung in ihrer alten Heimatstadt. Fast zwanzig Jahre war sie nicht hier gewesen. Die Stadt hatte sich verändert – ihr Vater lebte nicht mehr, das Katalanische war wieder aufgelebt und Francos langen Schatten nahmen nur noch diejenigen wahr, die genau hinsahen. Aber nichts hatte sich so sehr verändert wie sie selbst. Schon jetzt drangen Óle-Rufe aus dem Publikum, wahrscheinlich von Touristen, die nach einer Tour im Visit-Barcelona-Bus noch ein wenig spanische Folklore auf der Agenda hatten. Wie wenig sie wussten. Die ersten Töne. Leise, beinahe tastend, wie ein Morgensonnenstrahl. Der Gesang setzte ein, erzählte von den zarten Regungen einer ersten Liebe, eine gemächliche Rumba, weiche Bewegungen der Arme und Hände, wie Schilfhalme, die sich im Wind wiegten. Sie nahm den Rock auf, wirbelte ihn herum, ein Regenbogen aus Stoff, wie die Erinnerungen an diese glückliche Zeit. Im Tanzen zog sie den Rock an, der Rhythmus beschleunigte sich, die Gitarristen erhoben sich, der Sänger auch, und alle feuerten sie an, während ihre Füße den 12er-Takt der Alegría tanzten, Freude, Ekstase, Jubel, immer schneller und schneller, sie drehte sich und in ihrem wirbelnden Körper, dem schwingenden Rock und den trommelnden Füßen lebte das Glück jener Zeit, als hätte es nie Angst, Verlust oder Schmerz gegeben. Der Wechsel in den langsamen 4er-Takt kam plötzlich. Sie sank in sich zusammen und es gab nur noch den klagenden Gesang, der von Flucht erzählte, von Einsamkeit, von verlorenem Glück und nie endendem Schmerz. Ein Stoffbündel lag am Rand der Bühne, sie nahm es in den Arm und wiegte es, wie das Kind, das ihr geblieben war aus den Stunden des Glücks. Der Perkussionist begann sein Solo, und ein weiterer Tänzer kam auf die Bühne, dunkel gekleidet, mit einer schwarzen Maske vor dem Gesicht. Er baute sich vor ihr auf und trat mit den metallenen Absätzen seiner Schuhe Gewalt in den Boden, sie krümmte sich, das Kind in ihren Armen, und die Angst nahm ihr den Atem, noch jetzt. Doch er entriss ihr das Kostbarste, das sie je besessen hatte, schmetterte es auf den Boden, zerstörte es mit brachialer Gewalt. Was blieb, war nur die Dunkelheit. Rachsucht. Und Hass. Ein Hass, so intensiv, dass er sie fast zerstört hätte. Die Zeilen des Sängers hörte sie nicht. Sie kannte sie, aber sie bedeuteten nichts. Das Lied des Lebens war in ihrer Brust, in ihren Händen und Armen, ihren Füßen, die jetzt den Schmerz in den Boden trommelten, als müsste sie ihn tief in die Erde treiben, so tief, dass er sie nie mehr erreichen konnte. Ihre Füße gehorchten einer Macht, die außerhalb ihres Begreifens lag. Der Tanz beherrschte sie, nicht umgekehrt. Es war das Finale. Das Publikum war in ihrem Bann, sie konnte es fühlen. Duende. Dies war der Grund, warum sie immer noch am Leben war. — Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: paperback.

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