
Das Schwarz an den Händen meines Vaters von Lena Schätte
Ein Roman über Familie, Sucht und die Liebe zu einem Menschen, der es einem nicht immer leicht macht.
- Herausgeber : S. FISCHER
- Autor : Lena Schätte
- Erscheinungstermin : 12. März 2025
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 192 Seiten
- ISBN-10 : 3103976577
- ISBN-13 : 978-3103976571
Mit Das Schwarz an den Händen meines Vaters erzählt Lena Schätte eine Familiengeschichte, die unter die Haut gehen kann. Im Mittelpunkt steht Motte, die ihren Vater liebt und gleichzeitig mit den Seiten von ihm leben muss, die das Familienleben belasten. Alkohol, Spielsucht und schwierige Lebensumstände gehören zu ihrem Alltag. Und doch ist da diese Verbundenheit, die sich nicht einfach abschütteln lässt.
Mottes Vater ist ein Mann mit zwei Gesichtern. Da ist der Vater, der schnell rennen kann, beim Spielen jedes Versteck kennt und auf alles eine Antwort weiß. Und da ist der Mann, dessen Alkoholkonsum solche Ausmaße annimmt, dass er bei der Arbeit versetzt werden muss, um sich nicht selbst zu gefährden. Für Motte gehören beide Seiten zu demselben Menschen. Sie kann die schönen Erinnerungen nicht einfach ausblenden, aber sie kann auch nicht so tun, als gäbe es die andere Seite nicht.
Schon früh kommt Motte selbst mit Alkohol in Berührung. Was zunächst beinahe beiläufig beginnt, entwickelt sich im Laufe ihres Lebens zu einem ernsthaften Problem. Als junge Frau verliert sie zunehmend die Kontrolle über ihren Konsum. Ihr Freund ist zwar an ihrer Seite, kämpft aber selbst mit seinen Schwierigkeiten. Ihr Bruder hingegen versucht, nach ihr zu sehen und den Kontakt zu halten.
Als bei ihrem Vater Krebs im Endstadium festgestellt wird, verändert sich die Situation. Motte muss sich nicht nur mit dem bevorstehenden Verlust auseinandersetzen, sondern auch mit der Frage, wie sie sich von ihrem Vater verabschieden kann. Und dabei steht noch etwas anderes im Raum: der Wunsch, einen Weg aus der eigenen Abhängigkeit zu finden.
Eine Familiengeschichte ohne einfache Antworten
Was mich an dieser Geschichte besonders beschäftigt, ist die Vielschichtigkeit der familiären Beziehungen. Hier gibt es keine einfachen Rollen, in denen jemand ausschließlich gut oder böse ist. Ein Vater kann liebevolle Erinnerungen hinterlassen und gleichzeitig Verletzungen verursachen. Eine Familie kann unter schwierigen Bedingungen leben und trotzdem zusammenhalten.
Gerade diese Widersprüche machen das Thema so eindringlich. Denn wie geht man mit einem Menschen um, den man liebt, obwohl sein Verhalten das eigene Leben geprägt und möglicherweise auch belastet hat? Und wie verabschiedet man sich von jemandem, wenn noch so vieles unausgesprochen geblieben ist?
Auch die Beziehungen innerhalb der Familie spielen eine wichtige Rolle. Die Nähe zwischen Vater und Tochter, die Verbindung zwischen Mutter und Sohn und das Verhältnis zwischen Motte und ihrem Bruder zeigen, wie unterschiedlich Menschen mit den gleichen familiären Umständen umgehen können. Jeder trägt seine eigene Geschichte mit sich herum.
Dabei geht es nicht nur um die Abhängigkeit des Vaters, sondern auch um die Frage, wie solche Erfahrungen in einer Familie weiterwirken können. Motte ist längst erwachsen, doch die Vergangenheit bleibt ein Teil von ihr. Der Wunsch, sich vom Alkohol zu lösen, ist deshalb auch eng mit ihrer eigenen Lebensgeschichte verbunden.
Der Schreibstil: ruhig, eindringlich und nah am Leben
Lena Schätte erzählt die Geschichte nicht streng chronologisch. Die Handlung bewegt sich zwischen verschiedenen Zeiten und Erinnerungen. Dadurch erschließt sich Mottes Geschichte nach und nach. Einzelne Erlebnisse bekommen im weiteren Verlauf eine neue Bedeutung, und die verschiedenen Teile fügen sich allmählich zu einem Gesamtbild zusammen.
Die kurzen Kapitel sorgen dabei für einen angenehmen Lesefluss. Der Schreibstil ist zugänglich, ohne die schwierigen Themen zu vereinfachen. Gerade darin liegt für mich eine besondere Stärke: Die Geschichte muss nicht ständig erklären, wie traurig oder belastend eine Situation ist. Vieles entfaltet seine Wirkung durch die geschilderten Erlebnisse und die kleinen Details des Familienalltags.
Gleichzeitig ist es ein Buch, bei dem ich mir vorstellen kann, dass man zwischendurch eine Pause braucht. Nicht unbedingt, weil die Sprache schwer zugänglich wäre, sondern weil die angesprochenen Themen nachwirken können. Sucht betrifft schließlich nicht nur den Menschen, der abhängig ist. Sie verändert auch das Leben der Menschen, die ihm nahestehen.
Mein Fazit
Das Schwarz an den Händen meines Vaters ist ein Roman über die schwierige Liebe zu einem Menschen, dessen Verhalten Spuren hinterlässt. Es geht um Alkohol, Spielsucht, familiäre Bindungen und die Frage, wie man seinen eigenen Weg finden kann, ohne die Vergangenheit einfach hinter sich lassen zu können.
Mich spricht besonders an, dass die Geschichte offenbar nicht versucht, einfache Antworten zu liefern. Sie zeigt vielmehr, wie widersprüchlich Beziehungen sein können und wie eng Liebe, Enttäuschung, Erinnerungen und Abschied miteinander verbunden sind.
Ein Buch, das wichtige Themen aufgreift und dabei den Menschen hinter der Abhängigkeit nicht aus dem Blick verliert. Für mich gehört es zu den Romanen, die gerade durch ihre ruhige und unaufgeregte Erzählweise lange nachhallen können.
Rezensionsexemplar l Danke an Netgalley und Fischer Verlage
Wenn dir die Rezension gefallen hat schaue auch gerne HIER vorbei

